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Ich möchte dir das Märchen über einen glücklichen Jungen erzählen.

Es war einmal ein sehr großes und sehr starkes Land. Ich kann nicht sagen, dass dieses Land seine Einwohner nicht liebte, aber dass es sie liebte, kann ich auch nicht sagen.

Nun, also.

In diesem Land wurde ein Junge geboren. Er wurde geboren genauso wie du und ich, wie alle Menschen, und er wuchs auf. Es war ein guter und glücklicher Junge. Seine Eltern liebten ihn sehr. Sein Vater erzählte ihm über die Natur und seine Mutter brachte ihm Malen und Lesen bei. Der Junge wuchs auf, er mochte Denkmäler, den Himmel und Menschen zu betrachten.

Manchmal war er auch traurig genauso wie du und ich, wie alle Menschen. Dieser Junge hatte aber etwas Besonderes an sich. Ich kann dir sogar sagen, was das Besondere an ihm war. Von seiner Kindheit auf wusste er, dass er Künstler wird. Er wollte Bilder zu den Büchern malen und für die Lieblingsbuchgestalten Denkmäler setzen.

Und nun, der Junge hatte noch keinen Schulabschluss, als im Lande, wo er lebte, der Krieg ausbrach. Nicht so ein Krieg wie in Trickfilmen, sondern ein ganz echter. Ein anderes starkes Land griff das Land an, wo der Junge lebte. Und weil der Junge fast erwachsen wurde, entschloss er sich, zu kämpfen.

Jener Krieg war schrecklich und grausam wie alle Kriege. Menschen töteten sich gegenseitig durch Kugeln, Bomben und Raketen, sogar mit bloßen Händen töteten sie. Als der Junge an die Front kam, kämpfte er tapfer und leitete eine Militäreinheit. Dann wurde er sehr stark verletzt, so stark, dass er beinah getötet wurde. Der Junge hatte aber Glück. Er starb nicht. Er wurde von einem Mädchen entdeckt, das mit seiner Mutter die Verletzten aufsammelte und bei sich zu Hause gesund pflegte. Denn ein Lazarett war sehr weit weg. Das Mädchen fand nun unseren Jungen, sah, dass er am Leben war, und brachte ihn mit seinem Schlitten zu sich nach Hause.

Eine Kugel traf den Jungen direkt ins Gesicht. Er konnte nicht essen, nicht trinken und sogar nicht mehr stöhnen. Und seinen Namen konnte er nicht aussprechen, so schrieb er auf einem Papierfetzen: „Dima". Das Mädchen und seine Mutter pflegten Dima und fütterten ihn mit einer Pipette. Sie fanden Pferde und brachten Dima zu einem Lazarett.

Dima lag sehr lange in verschiedenen Krankenhäusern, aber er hatte Glück - Ärzte machten ihm ein neues Gesicht. Bald konnte Dima ein normales Leben führen. Zu jener Zeit war der Krieg zu Ende. Das Land des Jungen besiegte das andere Land. Unser Dima blieb ganz allein, da fast alle seine Verwandten ums Leben kamen.

Zuerst wollte Dima Arzt werden, um Menschen zu helfen so wie ihm geholfen wurde, aber den Schmerz anderer Menschen zu sehen, wie es sich herausstellte, das war nicht einfach für ihn. Wenn Dima Gott wäre, würde er den gesamten menschlichen Schmerz in eine große Schale sammeln, und Menschen würden nicht mehr leiden. Dima erinnerte sich oft an seine Kindheit, als er träumte, Künstler zu werden. Er hasste den Krieg, der ihm sein früheres glückliches Leben wegnahm. Dima entschloss sich, allen zu erzählen, dass ein Krieg nichts Gutes ist, dass Länder kämpfen und dabei Menschen umbringen lassen, dass Menschen sich dem Krieg wieder setzen sollen, dass sie stark sein und sich vor nichts fürchten sollen. Er ging zu einer Kunstschule.

Es stellte sich heraus, dass Dima nicht nur ein Glückspilz, sonder auch ein sehr talentierter Junge war. Seine Skulptur gewann einen wichtigen Wettbewerb, und er bekam einen Keller als Atelier. In diesem Keller schuf Dima sein ganzes Leben. Bei ihm schauten verschiedene Leute vorbei und bestaunten sein Talent. Er machte einfache Figürchen aus Metall, und diese Dinger konnten den Menschen sehr ausdrucksvoll übermitteln, dass sie einander nicht wehtun, sondern gegenseitig trösten und lieben sollten.

Und wie du es bereits begreifst, Dima hörte auf, ein Junge zu sein. Er wurde nicht zum Gott und sammelte nicht das gesamte menschliche Leiden in einer Schale. Er wurde Künstler, der die Formel des Schmerzes erfand.

Das Glück verließ Dima nach wie vor nicht, und eines Tages kam ein Mädchen in den Keller. Es hieß Julia und es verliebte sich so in den Künstler, dass es mit ihm im Keller blieb und zur seiner Gefährtin und Frau wurde. Julia und Dima bekamen einen Sohn, einen guten Jungen, der immer dem Papa für seine Arbeit verschiedene Metallteile mitbrachte. Dima schrieb auch noch Gedichte und widmete sie Julia. Julia fand die Frauen, die den sterbenden Dima im Krieg retteten. Und sie bekamen einen Orden.

Alle waren begeistert von Dimas Arbeiten, er aber verkaufte nichts, er verschenkte alles, damit alle seine Mahnung über den menschlichen Schmerz sehen konnten. Eines Tages kam ein Mann in den Keller. Er war auch mal ein glücklicher Junge, er hieß Karl. Karl wohnte in einem anderen Land, in dem, gegen den man gekämpft hatte. Seine Familie hatte auch viele Trauerfälle, und er war sehr beeindruckt von Dimas Arbeiten. Er brach sogar in Tränen aus, und Dima schenkte ihm mehrere seine Skulpturen. Sie wurden Freunde, Karl brachte Dimas Arbeiten nach Hause, sie gefielen allen, weil alle Menschen sich an den Krieg und an das Leiden erinnerten, das der Krieg verursacht hatte. 

Es passierte, dass es im Land, wogegen Dima kämpfte, in Groß- und Kleinstädten viele seine Skulpturen gab, im Dimas Land dagegen in keiner Straße eine seiner Arbeiten gab, nur in seinem Keller. Denn in Dimas Land war es nicht üblich, sich über einfache Dinge einfach und einsilbig zu äußern, sondern man sollte darüber kompliziert und schön berichten, Dima wollte es nicht tun. Er hatte seinen eigenen wahren Weg, von dem er nicht abweichen konnte. Dima litt darunter, aber seine Gleichgesinnten unterstützten ihn. Der Künstler schonte sich nicht und arbeitete immer mehr. 

So glücklich lebte Dima. Und dann ist er gestorben. Er hatte kein einfaches, aber ein glückliches Leben. Du fragst mich, wo das Glück sei, Dima hatte ja viel gelitten. Und ich sage zu dir, dass alle Menschen auf dieser Erde leiden, glücklich sind nur diejenige, die dieses Leiden mit Würde ertragen und nicht aufhören können, Menschen zu lieben und ohne Rücksicht auf etwas zu nehmen, ihnen zu erzählen, sie sollen einander nicht weh tun.

Autorin und Illustratorin: Natalya Heller




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